Der Sumpfloch-Fürst und seine Hexen

 

Der Sumpfloch-Fürst, nennen wir ihn Pheder, was  in der keltischen Sprache soviel wie Sumpfland bedeutet, war ein Spross aus einer angesehenen Familie auf der rheinzugewandten Seite der Wutach. Diese besaß einen stattlichen Hof mit angegliederten Werkstätten zur Metallverarbeitung, Töpfereien und Webhäusern. Zu jener Zeit bezeichnete man das Oberhaupt einer solche Sippe als Fürst, wobei es mächtigere und weniger mächtigere gab. Der Vater des Pheder war wohl ein eher weniger bedeutender, aber eben Fürst. Als Sohn einer wohlhabenden Familie genoss Pheder ein angenehmes Leben mit allen Vorzügen, die eine privilegierte Stellung zu dieser Zeit zu bieten hatte.

Dann änderten sich innerhalb kurzer Zeit die Lebensverhältnisse. Das Wetter wurde unbeständig und es wurde kühler, was sich auf den Ackerbau und somit auf die Ernten auswirkte. Als die Bedingungen so hart wurden, dass die Menschen anfingen zu darben, zogen viele fort, in der Hoffnung weiter südlich ein besseres Leben vorzufinden. Jene welche blieben, hofften durch Opfergaben, ihre Gottheiten milde und wohlwollend stimmen zu können, doch als Opferungen von Tieren und wertvollen Gegenständen keine Veränderungen zum Bessern brachten, beschloss man, ein wertvolleres Opfer zu bringen: einen Menschen. Nun gibt man den Göttern immer nur das Wertvollste, was eine Sippe zu bieten hat und das war in diesem Fall, der einzige Sohn des Fürsten, Pheder.

Das Sumpfloch war zu jener Zeit ein Gebiet, das seinem Namen alle Ehre machte. Es war ein Moos, mit saurem, nassen Boden, der für den Ackerbau ungeeignet war. Schon Pheders Ahnen waren hier her gekommen um den Göttern zu opfern, in dem sie wertvolle Gaben für den menschlichen Gebrauch unbrauchbar machen und sie in den Wasserlöchern des Moores versenkten.

Hier her führten sie auch den Fürstensohn, dessen Zukunft als Stammesoberhaupt jetzt zu Gunsten der Sippe, den Göttern als Opfer dargebracht wurde. Sein Ende wurde durch eine rituelle Dreifachtötung besiegelt, in dem ein Druide ihn zugleich erdrosselte, den Hals durchtrennte und ihn ertränkte, nicht ohne ihn zuvor mit einem betäubenden Schlag die Gnade einer Ohnmacht zukommen zu lassen.

Pheder hatte immer in dem Bewusstsein gelebt, im Fall einer Ausnahmesituation ein Opfer für die Götter sein zu werden, was ihn in ruhigen Zeiten mit einem gewissen Stolz erfüllte, weil es seinen Wert als Mitglied der Sippe zeigte. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass es jemals so weit kommen würde und er eines Tages, wenn sein Vater zu den Ahnen gegangen war, der Fürst  sein würde. Gerade jetzt, da er in ein Alter kam, da junge Männer die Liebe entdecken, hatte er sich in ein Mädchen aus dem Dorf verliebt und nichts passte ihm schlechter, als zu diesem Zeitpunkt, die hiesige Welt verlassen zu müssen, auch wenn es zum Wohle seines Volkes war. So ging er mit einigen Widerwillen seinem Schicksal entgegen.

Das Opfer wurde dargebracht und sein Leib in eines der Wasserlöcher des Mooses versenkt. Die Anwesenden gingen zu ihren Häusern zurück und das Leben musste weiter gehen.

Im Laufe der Zeit wucherte das Wasserloch in welchem Pheders Körper lag zu und aus der Erde und seinem Leib wuchsen Sumpfpflanzen mit schwarzen Köpfen. In den Nächten der keltischen Festtage erwuchsen aus ihnen schöne Frauen, die durchs Moos wandelten und als Irrlichter die Menschen ermahnten, dem alten Glauben Ehrerbietung entgegenzubringen, was die Menschen, trotz den Geboten des Christentums, welches sich inzwischen auch im Schwarzwald zur vorherrschenden Religion erhoben hatte, immer noch bereit waren zu tun.

Im 20. Jahrhundert wurde das unnütze Sumpfland durch Drainagen und Gräben trockengelegt, damit es wenigsten als Bauland genutzt werden konnte. Durch diesen Akt, vertrieb man die Sumpfwesen und den jungen Fürstensohn von ihrem über die Jahrhunderte angestammten Platz. Nun ohne Heimat wurden die schönen Frauen und Pheder zornig und ihre Gesichter wurden dunkel und verloren jeglichen Liebreiz. Das Jahr über gut verborgen in den umliegenden Wäldern kehren sie alljährlich zur Fasnetszeit an den Platz der alten Heimat zurück, wo sie als sogenannte Sumpflochhexen ihr Unwesen treiben, zur Erinnerung an eine Zeit, wo der alte Glaube die Menschen noch mit der Erde und den Göttern verband.

 

 

 

 

Die historischen Hintergründe

 

In grauer Vorzeit war die Gegend um Gündelwangen sehr dicht besiedelt. Die damals hier ansässigen Menschen nannten sich Kelten und pflegten eine blühende Handwerks- und Handelskultur, welche ihnen Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Um das Jahr 500 v. Chr. sah sich die keltische Welt plötzlich grundlegenden Wandlungen unterworfen. Aus dem eher friedlichen, handeltreibenden Volk wurde eine von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägte Gesellschaft. Dieser Wechsel der Gegebenheiten trennt die alte Hallstattkultur von der jüngeren Latènezeit. Es verändern sich sowohl Gesellschaft als auch Kunst. Die Gründe für diesen Wandel sind umstritten, er könnte jedoch auf einen Kometeneinschlag im Chiemgau zurückzuführen sein, dessen gewaltige Ausmaße zu einer klimatischen Veränderung im mitteleuropäischen  Raum geführt haben könnte. Fakt ist, dass zu dieser Zeit die Kelten unserer Region gegen Süden drängten, wo sie unter anderem in das gerade am Anfang seiner Blüte stehende Rom einfielen. Viele zogen fort, die welche blieben, sind die Ahnen der heutigen Schwarzwälder Bevölkerung. Über die gelebte Kultur dieses Volkes wissen wir vergleichsweise wenig, jedoch ist ihre Sprache in vielen Gewannamen erhalten geblieben. So verweist der Begriff 'Wangen' in Gündelwangen beispielsweise auf Hügel oder Gräberfelder.